Wahlbeteiligung
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In einem anonymen Leserbrief an die „Initiative zur Demokratisierung
der Meinungsbildung gGmbH“,
den ich auf Umwegen erhalten hatte, wurde bemängelt, dass ich, Jochen Mitschka, die hohe
Wahlbeteiligung von 70% im Iran als Zeichen der aktiven politischen Beteiligung
gedeutet hätte. Tatsächlich wäre die hohe Wahlbeteiligung erzwungen. Ohne einen
Stempel, der die Wahlbeteiligung bestätigte, wären die Wähler Sanktionen oder
Repressionen ausgesetzt.
Antwort:
In vielen Ländern, zum Beispiel in Afghanistan oder im Irak,
werden ähnliche Methoden angewandt, zum Beispiel in Tinte eingetauchte Finger,
um noch deutlicher die Menschen zu kennzeichnen, die bereits gewählt haben, mit
dem Ziel, Mehrfachwählen auszuschließen. Da die Wahl aber in jedem Fall geheim
ist, kann der Wähler den Wahlzettel ungültig machen, und damit gegen den
Wahlzwang protestieren. In Thailand wurde mit Aufkommen der Mobiltelefone mit
Fotofunktion ein Foto des ausgefüllten Wahlzettels verlangt, bevor der übliche
Wählerkauf zu einer Auszahlung führte. Aber auch das wurde unterlaufen, indem der
Wahlzettel nach dem Fotografieren ungültig gemacht wurde. Ein solches Vorgehen
(Fotos der Wahlzettel gegen Geld) wurde vom Iran noch nicht berichtet.
„Gern möchte ich dir
diese Frage beantworten. Es gibt keinen Wahlzwang in der Verfassung. Ich bin
persönlich der Frage von erzwungener Wahlbeteiligung nachgegangen. Als
Wahlbeobachter fiel mir eine Gruppe von jungen Menschen, sechs an der
Zahl, auf. Sie traten ca. eine halbe
Stunde vor der Schließung des Wahllokals in das Wahlbüro. Als sie in der Reihe vor
mir standen, habe ich sie nach Ihrer Absicht gefragt, ob sie wirklich ihre
Stimme abgeben wollten, um ihrem Kandidat zum Sieg zu verhelfen, oder nur um
den Stempel in ihren Ausweis zu erhalten. Als sie mich misstrauisch anschauten,
sagte ich ihnen meinen Namen und gab ihnen zu verstehen, dass ich Arzt bin und
in Deutschland leb. So konnte ich aber nur das Vertrauen ihrer Begleiterin
erwecken, die mir mit einem verlegenen Lächeln zu verstehen gab, dass sie nur
wegen des Stempels gekommen war.
Als die Auszählung der Stimmen zu Ende ging, besprach ich diese Angelegenheit mit dem Wahlleiter. Er schmunzelte und sagte ‘ein Stempel mehr oder weniger im Ausweis könnte vielleicht denjenigen Vorteil bringen, die eine Beamtenlaufbahn anstreben‘, doch dann fügte er hinzu: wir lassen sie das glauben, damit bekommen wir eine bessere Beteiligungsquote. Wieviel das ausmacht, war nach der Zählung der abgegebenen Stimme in jenem Wahllokal zu erkennen. Es wurden 21 ungültige Stimmzettel abgegeben, im gesamten Bezirk 950. Es ist anzunehmen, dass sie von solchen Wählerinnen und Wählern abgegeben wurden.
Die Aussage jenes Teilnehmers
mit iranischer Herkunft, bezüglich ‚Wahlzwang‘, ist typisch für die Migranten
aus dem Iran, die ihre erste Heimat, nach der Migration nach Deutschland
entweder nie wieder besucht haben oder mindestens zur Wahlzeit nicht dort waren.
Ich empfehle jedem sich selbst zu überzeugen, wie ich es bisher bei drei Wahlen
(bei den letzte zwei Parlaments- und der vorletzten Präsidentschaftswahlen) getan
habe.“
Fehlende Diskussion im Video
Weiter wurde in dem Leserbrief bemängelt, dass in der
Buchvorstellung ein entsprechender Zuhörerhinweis abgewürgt worden wäre, aber
die spätere Diskussion nicht mehr auf dem Video zu sehen war.
Antwort:
Die Aufnahme der ganzen Veranstaltung war schief gegangen,
weil das Mikrofon der Hauptkamera nicht eingeschaltet war. Die Ausweichkameras
wiederum hatten nicht genug Akkulaufzeit und konnten die Diskussion nach der
Pause nicht mehr aufzeichnen.
Homosexualität im Iran
Schließlich wurde bemängelt, dass der Autor nicht erwähnt
hätte, dass Homosexualität im Iran mit der Todesstrafe bedroht wird.
Antwort:
Es wird in dem Buch
ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es nicht
darum geht, westliche Kritik am iranischen System zu wiederholen. Dazu gibt
es ausführliche und ausreichende Literatur, die Medien sind voll davon.
Vielmehr geht es darum, das eigene westliche Versagen im Umgang mit dem Iran
darzustellen. Zu verdeutlichen, dass der Iran einmal eine säkulare Demokratie
war, bis sie durch den Putsch der CIA 1953 zu einer vom Ausland gesteuerten
Diktatur wurde, und dann schließlich durch die Revolution von 1979 zu einer
republikanischen Theokratie, die sich von Anbeginn an einem vom Westen nicht offiziell
erklärten Krieg ausgesetzt sah.
Das Buch soll klar machen, dass der Iran durch
diesen Krieg, der in unterschiedlichen Intensitäten geführt wird, mit heißem
Krieg, Morden an führenden Persönlichkeiten, Sanktionen, falschen Beweisen, Terror,
Unterstützung von Separatismus, Cyber-War und jetzt mit einem Wirtschaftskrieg sowie
dem Schüren inneren Unruhen durch eine Terrororganisation, die durch den CIA
geführt wird, - dass also so eine Gesellschaft kaum eine Chance hat, sich
gesellschaftlich zu öffnen, ohne dabei Gefahr zu laufen, ihre
Verteidigungsfähigkeit einzubüßen. Denn die Verteidigung der Souveränität des
Landes ruht zum großen Teil auf den Schultern der konservativen und religiös
fundamentalistischen Kräften des Iran, und wird außerdem von der Mehrheit der
Bevölkerung getragen. Das zeigen vom Westen durchgeführte Umfragen deutlich.
Daher muss die Führung des Landes einen Mittelweg suchen, um eine möglichst
große Zustimmung für ihre Politik zu erhalten und durch Einigkeit den
Widerstand gegen die ausländische Aggression zu stärken.
Es ist richtig, dass im Iran auf Homosexualität auch die
Todesstrafe verhängt werden kann und in der Vergangenheit verhängt wurde. Aber
„der unerlaubte Geschlechtsverkehr wird
durch vier rechtschaffene männliche Zeugen oder durch drei rechtschaffene
männliche und zwei rechtschaffene weibliche Zeugen bewiesen“ (Artikel 74
Strafgesetz).
Da die Überzahl homosexueller Geschlechtsakte sich aber selbst in
westlichen Gesellschaften vorwiegend in privaten Schlafzimmern abspielen, sind
so viele Zeugen eher selten zu finden. (Art. 122: „Werden die beischlafähnlichen oder vergleichbaren Handlungen dreimal wiederholt,
so ist die hadd-Strafe nach der vierten Wiederholung die Todesstrafe“. Das
bedeutet, dass vier Mal eine Menge Zeugen anwesend gewesen sein müssten.) Was
dazu führte, dass eine Anklage auch immer seltener erfolgt. In den letzten
Jahren erklärten Beschuldigte, nicht homosexuell zu sein, und wurden so vor
einer Bestrafung geschützt.
Ähnlich, wie in vielen anderen Fällen, versucht die
Führung des Staates einen Ausweg in Pragmatismus und langsamer Veränderung zu
finden, ohne die religiösen Fundamentalisten zu sehr zu brüskieren. Aber
natürlich ist nicht jeder Richter oder Staatsanwalt damit einverstanden.
Interessant ist, dass Transsexualität im Iran auf Grund
einer Fatwa von Ayatollah Chomeini NICHT unter Strafe steht. Lässt einer der
Beteiligten in einer homosexuellen bzw. transsexuellen Beziehung eine
geschlechtsangleichende Operation durchführen, so dass vorgeblich die
Heterosexualität gewahrt bleibt oder wieder hergestellt wird, bleiben beide
Partner straffrei. Die Kosten der medizinischen Behandlung übernimmt in den
meisten Fällen der Staat.
Aus einem Asylverfahren
und seiner Urteilsbegründung:
Hieraus und aus dem weiteren Text wird deutlich, dass es
sich bei der abgestuften Strafbarkeit der Homosexualität mit der Todesstrafe
als Höchststrafe, um eine gesellschaftliche Positionierung handelt, die der
Staat lediglich durch Gesetzgebung reflektiert. Nicht aber um eine vom Staat
angeordnete Unterdrückungsmaßnahme.
Nun kann man argumentieren, dass der Staat
seiner Verpflichtung zum Schutz von Minderheiten nicht genügend nachkommt,
indem er die gesellschaftlichen Verhältnisse durch Gesetzgebung legalisiert.
Was aber die grundsätzliche Frage aufwirft, ob ein demokratisch ausgedrückter
Mehrheitswille, der geschichtlich (und religiös) begründet wird, durch ein
entgegen gesetztes Wirken des Staates ausgehebelt werden darf, also den
demokratischen Willen aushebelt, und ob er das kann, ohne nicht seine eigene
Existenz zu gefährden.
Im Iran würde ein staatlicher Eingriff dieser Art und
zum jetzigen Zeitpunkt in jedem Fall zu erheblichen Unruhen, möglicherweise zu
einem Putsch radikal-religiöser Kräfte führen. Mit der Folge größerer
Opferzahlen und größeren Leidens, als durch die „Liberalisierung“ vermieden würde.
Aus diesem Grund mag westlichen Vorstellungen entsprechend
der Liberalisierungsprozess zur Verbesserung der individuellen Freiheiten von
Minderheiten nicht schnell genug voran gehen, für den Iran ist es aber eine
Politik, die Einheit des Landes zu wahren. Die gescheiterten Farbrevolutionen
und die „Befreiung“ und „Demokratisierung“ Libyens zeigen, was ein zu
schnelles, gewaltsames Vorgehen bewirkt.
Den besten Beitrag, den der Westen leisten kann, um
individuelle Entfaltung der Persönlichkeit von Iranern zu fördern, ist, erstens
den Krieg gegen den Iran zu beenden, wodurch die Öffnung des Landes und seiner
Menschen deutlich an Fahrt aufnehmen wird, und zweitens Menschen, die
tatsächlich durch die Mehrheit des Landes in ihrer freien Entfaltung
unterdrückt werden, eine Alternative in westlichen Ländern zu gewähren. In
keinem Fall sollte es personalisierte Loyalitätserklärungen oder
Unterstützungsaktionen für Schwule und Lesben geben, weil das deren Leben
gefährdet und eine pragmatische Lösung verhindert.
Auch interessant ist, dass der Westen zwar Menschenrechte im
Ausland verteidigt, aber gegen Kritik an eigenen Verstößen gegen die
Menschenrechtscharta immun reagiert. Wie kann es sein, dass Menschen ohne
Wohnung, Arbeit oder Krankenversorgung sind, obwohl das doch in der
Menschenrechtscharta ausdrücklich erwähnt wird? Wie kann es sein, dass zum
Beispiel in Deutschland nur Parteien mit ihren Programmen gewählt werden
dürfen, aber keine Entscheidungen über elementare Rechte direkt mit beeinflusst
werden können, obwohl die demokratische Mitbestimmung ein Menschenrecht ist?

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